Meldung

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft

2. Spiritueller Gang der Funkturmkatholiken 

Der Spirituelle Gang ist entstanden aus dem Werkstatt-Tag für unseren Pastoralen Raum vor über einem Jahr. Unter der Rubrik „Funkturmkatholiken Unterwegs“ wollen wir uns begegnen, miteinander ins Gespräch kommen, miteinander gehen, den Glauben teilen.

 

Beim 1. Gang im Frühjahr hatten wir unseren Seligen Bernhard Lichtenberg im Fokus gehabt und bei den Steyler Anbetungsschwestern, den „Rosa Schwestern“ vorbeigeschaut, die leider nach 85 Jahren voraussichtlich zum Jahreswechsel Berlin wegen der Klosterauflösung verlassen. Außerdem hatten wir noch den Jesuiten Flüchtlingsdienst in Canisius (JRS) kennengelernt.

 

Beim 2. Gang am vergangenen 23. Oktober standen unsere jüdischen Mitbürger im Zentrum. Seit 1700 Jahren sind sie in Deutschland (Köln 321) und auch heute in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Papst Johannes Paul II. hat sie bei seinem historischen Besuch der Synagoge in Rom im April 1986 als unsere „älteren Geschwister“ bezeichnet. Sie waren vor dem Christentum die einzigen, die an einen monotheistischen Gott glaubten.

 

Vom Treffpunkt S-Bahnhof Messe Süd aus ging unsere 20-köpfige Gruppe am Mommsen-Stadion vorbei, der Heimstätte des Sportvereins Tennis Borussia Berlin, aus dem jüdische Mitglieder von den Nationalsozialisten zwangsentfernt worden waren.

 

Erster Halt war eine Stele am Eichkamp, auf dem es schon früher eine von jüdischem Leben geprägte Siedlung gab. Auch heutzutage ist es wieder so. Beim Blick auf jüdisches Leben in Deutschland kommen wir nicht umhin, uns äußerst schmerzhafter und grausamer Ereignisse in unserer Geschichte zu erinnern. Prof. Schiffler aus der Gemeinde St. Karl-Borromäus erzählte über das Schicksal der Juden und Andersdenkende aus der Siedlung, die fast ausnahmslos einen gewaltsamen Tod fanden, und über das nahe gelegene Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald, von dem ungefähr 10.000 Juden in Konzentrationsläger verfrachtet wurden (neben anderen Groß-Deportationen über den Bahnhof Moabit und den Anhalter Bahnhof). Am Eichkamp befand sich damals auch das Zentrallager der Organisation Todt, eine paramilitärische Einrichtung für Bauvorhaben, die u.a. den Westwall, den Atlantikwall, die Abschussrampen der V1- und V2-Raketen, sowie auch Luftschutzanlagen errichteten. Die OT ließ ca. 2.500 deutsche Firmen für such arbeiten und beschäftigte während des 2. Weltkriegs fast 1,5 Mio Arbeiter unter unmenschlichsten Bedingungen.

 

Die Stele weist noch auf eine besondere Aktion hin, die der „Stolpersteine“, die an gewaltsam aus ihren Häusern und Wohnungen deportierten und in den Tod geführte Menschen erinnert. Unter www.stolpersteine-berlin.de können sich Interessierte über Einzelschicksale informieren.

 

Nur eine kurze Distanz von der Stele entfernt blieben wir vor der jüdischen „Heinz-Galinski-Schule“ stehen, benannt nach dem ersten Präsidenten des Zentralrats der Juden und langjährigen Vorsitzenden der Berliner jüdischen Gemeinde, über dessen Vita wir an der Stele vorab informiert hatten. 1986 als Grundschule mit 25 Schülern gegründet, sind heute 240 Schüler in 17 Klassen bis zur 6. Klasse in der HGS. Es handelt sich um eine private, staatlich anerkannte Ganztagsschule. Träger ist die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Die Schüler sind größtenteils, aber nicht alle, jüdisch. Die Schule ist bekannt für ihre sehr familiäre Atmosphäre und bietet den Schülern neben Unterrichtung im Judentum und dem Hebräischen viel Abwechslung (u.a. täglich bio-koscheres frisches Essen, Arbeitsgemeinschaften wie Schach und Seidenmalerei, ein Schulorchester und Sport).

 

Auf unserem weiteren Weg machten wir Halt am Soldauer Platz und erinnerten uns daran, dass viele jüdische Bürger unser Leben in Deutschland besonders beeinflusst haben. Um nur einige zu nennen: Gustav Mahler, Mendelssohn-Bartholdy, Walter Rathenau, die Rothschilds, Albert Einstein, Max Liebermann, Kurt Weill, Lise Meitner, Hannah Arendt, Rosa Luxemburg und natürlich unsere konvertierte große Heilige Edith Stein. Jüdische Unternehmer brachten uns z.B. den Tesafilm, die Nivea-Creme und die Tempo-Taschentücher (Troplowitz/Lifschütz bzw. Rosenfelder).

 

Unser Gang endete schließlich mit dem Besuch der Synagoge Sukkat Schalom in der Herbartstraße. Wir wurden dort vom Vorsitzenden der egalitär-reformistischen Gemeinde, H. Liam Rickertsen empfangen, der uns einen tieferen Einblick in die von der Gemeinde auch heute gut frequentierten Gottesdienste gab, in denen überwiegend rhythmisch singend gelesen und gebetet wird. Auch dauern die Gottesdienste in der Regel deutlich länger als bei uns. Zuletzt bekamen wir noch die prächtigen Tora-Rollen aus dem Tora-Schrein zu sehen. Sukkat Schalom gehört zur Jüdischen Gemeinde Berlin, mit 10.500 Mitgliedern die größte in Deutschland.

 

Nach dem offiziellen Teil fanden sich noch einige Teilnehmer im Café Piano zum Ausklang ein. Mitglieder aus allen drei Gemeinden unseres Pastoralen Raums haben zum Gelingen des Ganges beigetragen. Wir vom Orga-Team - Renate Tomberg, die u.a. den Besuch in der Synagoge und im Café organisiert hat, Monika Hein und ich - haben uns sehr über die Teilnehmer und die positive Resonanz gefreut.

 

Eine Besonderheit ist noch, dass H. Stefan Schilde, Journalist des „Tag des Herrn“ unseren Gang begleitet hat. In der Ausgabe vom 14.11.2021 erschien sein Artikel dazu. Vielen Dank auch an ihn.

 

Dominikus von Pescatore