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Corpus Christi

Rezension des Films von Jan Komasa mit Bartosz Bielenia in der Hauptrolle

Der polnische Film wurde nicht nur mit 12 polnischen Fernsehpreisen überhäuft, sondern auf dem Filmfestival in Venedig als bester Film seiner Sparte geehrt und erhielt sogar eine OSCAR-Prämierung als bester internationaler Film.

Jan Komasa erzählt die Geschichte eines kriminellen Jugendlichen Daniel (Bartosz Bielenia), der seine Strafe abgesessen hat und eigentlich Priester werden möchte. Der Gefängnisgeistliche macht ihm klar, dass Vorbestrafte nicht Priester werden können. Stattdessen schickt er ihn zu einem Sägewerk, in dem Ex-Sträflinge angeworben werden und mit Ihresgleichen auch künftig zusammenleben werden.

Daniel steigt aus dem Zug, will das Sägewerk schon betreten, geht dann aber doch ins Dorf und in die Kirche. Dort nimmt ihn ein (alkohol-)kranker Pfarrer auf, der dann für eine Weile ausfällt. Daniel überlegt nicht lange. Die kargen Liturgieerfahrungen als Gefängnisküster müssen reichen. Schritt für Schritt und zögerlich gewinnt er die Herzen der Menschen des sehr traditionellen Dorfes und Katholizismus.

Das Dorf leidet an einem dunklen Geheimnis. Ein Geisterfahrer hat ein Auto mit Jugendlichen gerammt, so dass alle sechs Jugendlichen und der Geisterfahrer zu Tode gekommen sind. Für die Opfer ist eine Erinnerungsfotowand errichtet mit ihren Gesichtern und vielen Blumen davor. Außer dem des Unfallfahrers! Der darf nicht rauf, weder auf das Plakat noch auf den Friedhof. Seine Mutter wird mittels eines Graffitis am eigenen Haus als Hure beschimpft und ist in Sippenhaft genommen, isoliert. Dabei ist ihr toter Sohn sogar unschuldig, denn der Nichttrinker wurde von den anderen – wie ein Handymitschnitt zeigt – besoffen gemacht.

Daniel stellt sich der Situation, will die verhärteten Fronten aufbrechen, rennt aber mit seinen Ideen weitgehend gegen eine Wand. Gleichzeitig zieht sich über ihm selber ein Unwetter zusammen, denn es ist nur noch eine Frage der Zeit wann sein Schwindel auffliegt…

Der Film ist traurig und unerbittlich! Die Szenen im Knast am Anfang und am Ende zeigen rohe Gewalt. Aber auch der gelebte Katholizismus des Dorfes ist grausam und unerbittlich. Die christliche postkommunistische Dorfgesellschaft mit dem Bürgermeister an der Spitze ist korrupt und scheinheilig. Was soll eine „christliche“ Gesellschaft, die (ungerecht als solche abgestempelte!) Feinde nicht einmal auf den Friedhof lässt, von praktizierter Feindesliebe mal ganz zu schweigen! Wer braucht ein solches Christentum? Selbst als Christ kann man kaum umhin angesichts solcher Erfahrungen die Säkularisation konsequenterweise als humanen Fortschritt zu bezeichnen. Wer gegen dieses System anrennt, der holt sich nicht nur eine blutige Nase – wie Daniel – sondern ruft den Widerstand der ganzen Gesellschaft hervor.

Der Film räumt mit dem Klischee der guten alten Zeit auf. So viele (junge!) Leute wie im Film gehen längst nicht mehr in die Kirchen, aber der Film zeigt auch was der Preis eines solchen traditionellen Christentums gewesen sein mag. Es lohnt sich nicht ihm Tränen nachzuweinen. Man hätte den Film auch in Bayern oder anderen volkskatholischen Gegenden drehen können.

 

 

Sankt Canisius