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Ein Werkzeug Gottes

Ikonen werden als „Fenster zur Ewigkeit“ oder auch als „gemalte Frömmigkeit“ 

bezeichnet. Sie verbinden Diesseits und Jenseits. Tatjana Pauly ist Ikonenmalerin in Berlin.

Zum Auftakt der neuen Reihe „Kirche und Handwerk“ hat Ingeburg Schwibbe einen Ikonenmalkurs bei ihr besucht.

 

Von Ingeburg Schwibbe

 

Beim Malen wird geschwiegen. Fragen, die auftauchen, werden knapp beantwortet. Ein auf das Wesentliche konzentrierter Zustand entsteht. Die Ikonen sind auf Holztafeln gemalt, die sich die Künstlerin im Baumarkt zurechtschneiden lässt. Der Ikonenmalkurs von Tatjana Pauly findet in einem großen Raum der katholischen Kirche St. Karl Borromäus in Berlin-Grunewald statt. Für die Gemeinde gestaltete sie ein Kruzifix. Jährlich werden zum Abschluss der Fronleichnamsprozession die neu entstandenen Ikonen in der Kirche geweiht. Für Kursteilnehmer*innen und die Gemeinde ein schönes Ereignis.

Ist sie Künstlerin? Oder Handwerkerin? Tatjana Pauly ist wohl ein wenig von beidem. Die 1971 im sibirischen Omsk geborene Ikonenmalerin, lebt seit 1994 in Berlin. Sie ist erst spät russisch-orthodox getauft worden und dann zum Katholizismus übergetreten. Ihre kreative Ausbildung begann hingegen früh an der Jugendkunstschule, um später zunächst Modedesign an der Hochschule in Omsk zu studieren. Zum Lehrplan gehörte auch eine Grundausbildung in Zeichnen und Malen. In Berlin angekommen richtete sie ihren Fokus auf die Malerei und auf Porträts. Speziell die Ikonenmalerei hat es ihr damals angetan. Also ließ sie sich von mehreren Lehrer*innen unterrichten und reiste dafür sogar bis nach St. Petersburg.

Ikonen spielen besonders in der orthodoxen Kirche eine Rolle, in der sie fester Bestandteil des Ritus sind. Seit dem frühen Christentum gibt es Ikonen, die sich über die byzantinische Kunst vor allem nach Griechenland, Bulgarien, Armenien bis Russland ausbreiteten. Die Ikonenmaler waren Mönche. Als „Werkzeuge Gottes“ signierten die Maler ihre Arbeiten nicht. Die Ikonenthemen – Monats-und Jahresikonen, die Darstellung von Heiligen, Gottesmutter und Jesus – sowie Stil und Technik waren festgelegt und erhielten sich unverändert über Jahrhunderte.

In den alten Malerhandbüchern gab es Vorlagen. Die Farbe hatte Symbolcharakter: Gold stand für Licht und Heiligkeit, Rot für Liebe und Blut, Purpur war Zeichen der Göttlichkeit. Das Herstellungsverfahren war festgelegt. Es gab auch Vorschriften: Heiligenscheine dürfen nicht angeschnitten oder Lachen und Weinen als irdische Eigenschaften nicht dargestellt werden. Die Perspektive läuft auf den Betrachter zu, nicht umgekehrt.

 

Eine meditative Tätigkeit

 

Den Ikonenmaler*innen der Gegenwart dienen Reproduktionen alter Ikonen als Vorlage. Ihre Arbeiten wirken moderner, die Farbe leuchtender. Dieses Wissen um die Geschichte und ihre langjährige handwerkliche Erfahrung reicht Tatjana Pauly in Kursen zur Ikonenmalerei weiter: „Ikonenmalerei ist für mich eine sehr schöne meditative Tätigkeit. Es freut mich, wenn meine Ikonen eine positive Resonanz finden und ich meine Kenntnisse an die Kursteilnehmer weitergeben kann.“

Hier orientiert sie sich an traditionellen Vorschriften. Unmittelbar vor Arbeitsbeginn schieben die Teilnehmer*innen den Alltag beiseite. Gemeinsam mit Tatjana Pauly sprechen sie ein für das „Ikonenschreiben“ überlieferte Gebet des griechischen Malermönchs Dionysios vom Berge Athos. Anschließend geht es an die Arbeit auf den Holztafeln.

Diese Tafeln werden von Tatjana Pauly in einem komplexen Verfahren hergestellt. Auf der Vorderseite wird mit heißer Gelatine ein Stück Baumwollstoff aufgeklebt, das das Reißen der Malschicht verhindern soll. 24 Stunden dauert der anschließende Trocknungsprozess. Mit Kreide wird dann eine Gelatinelösung gemischt und in bis zu sieben Schichten aufgetragen. Jede Schicht trocknet einzeln. Ein circa 3,5 Millimeter starker Malgrund entsteht, der die Farben bindet und auf dem sie sich entfalten können. Danach erfolgt das Glätten mit Schleifpapier. Nun erst ist der Malgrund fertig. Die so präparierten Tafeln können bei der Künstlerin zu Beginn des Kurses erworben werden.

Jetzt wird die Reproduktion der ausgewählten Ikone mit Hilfe eines Kopierers auf die Größe der Holztafel gebracht. Auf Pauspapier werden die notwendigsten Umrisslinien des Vorbildes übertragen und dessen Rückseite mit trockenen Pigmenten, zum Beispiel im klassischen Sepia, eingerieben. Nach dem Auflegen des Transparentpapiers auf die Holztafel werden mit einer Radiernadel die Linien nachgezogen, wobei die Pigmente die Zeichnung auf dem Malgrund abdrücken, die mit dem Pinsel in Eitempera nachgezogen wird.

Zahlreiche Farbschichten Der nächste Schritt ist die Vergoldung der Hintergrundflächen und Heiligenscheine mit Blattgold auf Polimentbasis. Dann folgt die Farbfestlegung, zuerst des Hintergrundes, dann der Kleidung und des Gesichtes. Alles wird in einem Mittelton gleichmäßig aufgetragen, erst die Linien für die Falten, dann die Aufhellung und zum Schluss die Schattierung mit dunkleren Tönen. Der Farbauftrag erfolgt in zahlreichen sehr dünnen und durchlässigen Schichten, der sogenannten Lasur. Goldene Linien können mit flüssiger Goldfarbe aufgetragen werden.

Tatjana Pauly verwendete für ihren Engel mit dem goldenen Haar Blattgold, das in dünnen Streifen aufgelegt wird. Dafür braucht es viel handwerkliches Geschick und auch Geduld. Vorlage des schönen Engelskopfes ist die aus dem 12. Jahrhundert stammende älteste Ikone aus dem Russischen Museum in St. Petersburg. Sie wird der berühmten Schule von Novgorod zugeordnet.

Zum krönenden Abschluss wird nach sechs bis zwölf Monaten Trocknungszeit ein Schlussfirnis aus Leinöl oder Schellack über das Bild gelegt, der das Leuchten der Farben verstärkt. Selbst jetzt muss noch Sorgfalt walten, denn nimmt man in der Euphorie des „Geschafft!“  etwas zu viel Firnis, dann klebt die Oberfläche und zieht Staub an. Auf der Rückseite schützt eine dunkle Holzbeize vor Feuchtigkeit.

Die Kurssteilnehmer*innen besitzen zum Teil keinerlei Vorkenntnisse und so verblüfft die Qualität der Ikonen, die in einem Kurs von Tatjana Pauly entstehen. Die 72-jährige Dorothea Stüttgen ist seit 2013 Teilnehmerin. „Manchmal ist man verzweifelt. Dann wird gesagt, keine Sorge, wir gehen Schritt für Schritt voran.“ Und wie es vorangeht, zeigt die Arbeit nach Giottos schöner „Darbringung im Tempel“, die sie sich zum „Schreiben“ ausgewählt hat. Ihre Freude ist greifbar: „Man braucht eine bestimmte Ruhe. Das Schöne ist, dass man auch zur Ruhe kommt.“

 

Instagram: @tatjana_pauly

E-Mail: tatjana.pauly@gmx.de