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Jan Korditschke SJ – Predigt zur Verabschiedung

Predigttext: Jak 1,17-18.21b-22.27 I.

 

Wenn Menschen an einem meiner Glaubenskurse teilnehmen wollten, dann habe ich ihnen nach einem ersten Gespräch einen Fragebogen mitgegeben mit der Bitte, mir anhand der Fragen etwas über sich zu schreiben. Unter diesen Fragen befanden sich folgende zwei: „Wer ist Gott für mich?“ und „Wer bin ich für Gott?“

Ich finde diese beiden Fragen spannend, weil eine ehrliche Antwort auf sie einen tiefen Einblick in den persönlichen Glauben gewährt und etwas erkennen lässt von dem Bild, das ich von Gott und von mir selbst habe.

Manche Menschen, die zu mir kamen, konnten ganz spontan auf die zwei Fragen eingehen, andere wussten erst einmal nicht so recht, was sie schreiben sollten. Auch mir fällt es gar nicht so leicht, in Worte zu fassen, wer Gott für mich ist und wer ich für Gott bin, aber die Beschäftigung mit der heutigen Lesung aus dem Jakobusbrief hilft mir, eine eigene Antwort zu finden, die ich Ihnen nun erzählen möchte. Und wer weiß, vielleicht ist bei den folgenden Gedanken ja auch der ein oder andere dabei, bei dem Sie spüren: „Ja, das passt auch auf mich. Das könnte ich auch über Gott und mich sagen!“ Schauen wir also auf das, was die Lesung zu den beiden Fragen mitzuteilen hat.

II.

Wer ist Gott für mich? Gott ist von woher mir „jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk“ kommt (vgl. Jak 1,17). Gott schenkt mir alles. Alles, was ich habe und bin. Gott verdanke ich mein Leben. Meine ganze Existenz.

Gott ist außerdem die Macht, die mich „durch das Wort der Wahrheit geboren“ hat (Jak 1,18). Am Anfang der Schöpfung hat Gott ein Wort gesprochen: „Es werde Licht“ (Gen 1,3), und es wurde Licht. Genauso hat Gott auch zu mir ein Wort gesprochen, das mich ins Leben ruft. Gott sprach: „Ich will, dass du bist“ (vgl. Augustinus, Predigt Lambot 27,3) und so bin ich jetzt da.

Und wer bin ich für Gott? Eine „Erstlingsfrucht seiner Schöpfung“, sagt der Jakobusbrief (Jak 1,18). Die „Erstlingsfrucht“ bezeichnete im Judentum die ersten Früchte eines Jahres, die nach ihrer Ernte zum Dank Gott als Gabe dargebracht wurden. Ich bin also für Gott eine Gabe. Es ist in Gottes Augen ein Geschenk, dass es mich gibt. Und Gott nimmt mich als Geschenk an.

Ich kann noch anderes für Gott sein, wenn ich will – nämlich „Täter des Wortes“, das Gott zu mir gesprochen hat. Gott hat zu mir gesagt: „Ich will, dass du bist“ und mich so ins Leben gerufen; und nun darf ich andere zum Leben rufen und ihnen sagen: „Ich will, dass ihr seid“, und zwar nicht bloß mit Worten, sondern mit Taten.

Das Wort: „Ich will, dass ihr seid“ wird bei mir zur Tat, wenn ich konkret etwas dazu beitrage, dass die anderen leben können. Jakobus bringt hier ein sehr anschauliches Beispiel aus seiner eigenen Zeit und Kultur von vor 2000 Jahren:

Täter des Wortes sein, das bedeutet: „für Waisen und Witwen in ihrer Not zu sorgen“ (Jak 1,27). Indem ich mich um diejenigen kümmere, die auf sich gestellt sind, zeige ich ihnen, dass ich will, dass sie sind.

III.

Die Lesung aus dem Jakobusbrief erinnert mich an meine Lieblingsgebetsübung aus dem Exerzitienbuch von Ignatius von Loyola. Es ist die sogenannte Betrachtung zur Erlangung der Liebe. Ich will im Folgenden auf diese Meditationsübung näher eingehen, weil sie zum einen Gedanken aus der Lesung vertieft und mir zum andern hilft, noch genauer auf die Fragen zu antworten: Wer ist Gott für mich? Und wer bin ich für Gott?

In der Gebetsübung von Ignatius betrachte ich, wie sehr mich Gott liebt. Je intensiver ich mir dieser Liebe bewusstwerde, je mehr ich sie an mir geschehen lasse und sie annehme, desto eher wird ein Funke dieser Liebe Gottes auf mich überspringen und mein Herz in Brand setzen, so dass ich meinerseits anfange, Gott zu lieben.

Zu Beginn der Meditationsübung erklärt Ignatius in zwei Punkten, was Liebe eigentlich ausmacht. Erstens stellt Ignatius fest, dass Liebe sich mehr in Taten als in bloßen Worten ausdrücken soll. Mit dem Jakobusbrief formuliert: Ich soll eben nicht nur Hörer des Wortes sein (oder Sprecher), sondern Täter des Wortes, das andere zum Leben ruft.

Zweitens betont Ignatius: Dass zwei sich lieben, das bedeutet, dass sie miteinander teilen, was sie haben. Ich gebe der geliebten Person, was ich habe, und sie gibt mir, was sie hat. Ja mehr noch, wenn zwei sich lieben, dann teilen sie nicht nur etwas, sondern sich selbst einander mit. Ich schenke mich der geliebten Person, und sie schenkt sich mir.

Genau ein solches gegenseitiges Sich-Schenken sehen wir in der Lesung: Gott schenkt mir jede vollkommene Gabe, und das heißt doch, dass Gott sich selbst mir schenkt; denn wer ist vollkommen außer Gott? Und ich bin „Erstlingsfrucht“, d.h. Gabe für Gott und schenke mich Gott.

Wer bedenkt, was Ignatius in seiner Gebetsübung erklärt, erkennt, dass der Jakobusbrief im Grunde über die Liebe zwischen Gott und mir schreibt: Gaben fließen von oben herab zu mir und von mir sozusagen wieder zurück nach oben zu Gott. Bei diesem wechselseitigen Verströmen von Schenken und Empfangen geht es um Beziehung, um Eins-Werden durch gegenseitige Hingabe – eben um Liebe.

Aber diese Liebe zwischen Gott und mir ist zunächst bloß ein abstrakter Gedanke, der mich nicht berührt und in meinem Herzen nichts ändert, selbst wenn ich ihn vom Kopf her für wahr halte. Wie wird die Liebe für mich zu einer lebendigen Erfahrung? Dafür hat Ignatius unter anderem zwei Anregungen, wie die Übenden im Gebet vorgehen sollen. Es sind Anregungen, die Sie im Übrigen auch mal in einer stillen Zeit zu Hause für sich ausprobieren können!

Die eine (vgl. EB 234) ist: Ich gehe mein Leben von Anfang an durch und rufe mir anhand anschaulicher Beispiele ins Gedächtnis, was ich schon alles geschenkt bekommen habe: Wer ist gut zu mir gewesen? Wem konnte ich etwas Persönliches anvertrauen? Wer hat mir beigestanden? Woran konnte ich mich freuen? Wo habe ich Glück und Dankbarkeit empfunden? Wo ist mir Schönheit begegnet? Worüber konnte ich staunen? In allen wertvollen Erfahrungen meines Lebens kommen nicht nur der Reichtum und die Schönheit der Natur, die Liebe von so und so vielen Menschen zu mir. In all dem kommt zugleich Gottes Liebe zu mir und teilt sich mir mit. Und das nicht nur so allgemein für alle. Nein, ich selbst, ich ganz persönlich bin damit gemeint.

In einer zweiten Anregung von Ignatius klingt unmittelbar unsere Lesung an. Wie wir gehört haben, schreibt Jakobus: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Gestirne…“ (Jak 1,17). Ignatius schreibt nun etwas ganz Ähnliches. Er empfiehlt den Übenden, wie folgt vorzugehen: Ich meditiere und betrachte, „wie alle Güter und Gaben von oben herabsteigen, etwa die mir zugemessene Kraft von der höchsten und unendlichen von oben, und genauso Gerechtigkeit, Güte, Freundlichkeit, Barmherzigkeit usw., so wie von der Sonne die Strahlen herabsteigen, vom Quell die Wasser“ (EB 237).

Ignatius sagt hier: Ich bin für Gott ein freies, selbständiges und für mein Handeln verantwortliches Geschöpf. Gott misst mir eine eigene Kraft zu, mit der ich wirken kann. Ich bin nicht bloß eine Marionette Gottes, sondern Gottes Partner. Ich darf mit Gott zusammenarbeiten im Geschehen der Welt.

Indem ich das tue, indem ich die Kraft, die Gott mir gegeben hat, zum Guten gebrauche, kann ich mit meiner Gerechtigkeit und Güte etwas entfalten von Gottes Gerechtigkeit und Güte. Alle diese Eigenschaften Gottes fließen durch mich hindurch in die Welt, und ich darf sie in die Welt hinein ausstrahlen.

In meinem Tun bin ich immer mit Gott verbunden. Das bedeutet aber auch: Ich bleibe immer auf Gott angewiesen und von Gott abhängig. Ohne Gott kann ich nichts tun, so wie es keine Sonnenstrahlen gibt ohne die Sonne, keinen Wasserstrom ohne Quelle.

Wenn ich die beiden Anregungen von Ignatius nicht nur bedenke, sondern dabei auch konkrete innere Bilder in mir lebendig werden und auf mich wirken lasse, dann komme ich an einen Punkt, wo mich diese Bilder berühren, mir vielleicht sogar durch und durch gehen. Sie bewegen mich, erschüttern mich womöglich. Ich merke, wie ich anfange zu staunen, mich zu freuen. Ich spüre Liebe in mir aufsteigen – ganz spontan. Es ist eine Liebe, die Antwort geben will auf das, was sie erfahren hat. Ich liebe und will meiner Liebe Ausdruck geben im konkreten Tun. Jakobus spricht in der Lesung davon, sich um Witwen und Waisen zu kümmern. Ich kann mich fragen, wo um mich herum hier und heute die Menschen sind, denen ich etwas von Gottes Gerechtigkeit, Güte, Freundlichkeit und Barmherzigkeit bringen kann.

IV.

Wer ist Gott für mich? Und wer bin ich für Gott? Wenn ich die heutige Lesung meditiere – vor dem Hintergrund der Übung von Ignatius – dann kann ich noch kürzer und schlichter antworten: Gott ist die Liebe, die mich zuerst geliebt hat – noch bevor ich etwas hätte tun können, ja, bevor es mich überhaupt gab! Gottes Liebe hat mich ins Herz getroffen. Deshalb bin ich nun einer, der Gott liebt. Und ich versuche diese Liebe im Alltag konkret zu leben in der Zuwendung zu den Menschen, die mich brauchen. – So würde ich auf die beiden Fragen antworten. Und Sie? Wie würden Sie es tun? Wer ist Gott für Sie? Und wer sind Sie für Gott?